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Impresionante – Eine Reise nach El Salvador
Von Christina Margenfeld
Eine Reise nach Mittelamerika! Damit hatte ich nicht gerechnet. Als meine Losnummer bei der Benefiz-Veranstaltung der salvadorianischen Botschaft aufgerufen wird, kann ich es kaum glauben. Ich habe den Hauptgewinn gezogen: einen Flug nach El Salvador. Aber wo genau liegt dieses kleine Land? Ein Blick in den Atlas klärt die Frage: Südlich von Guatemala, an der Grenze zu Honduras und Nicaragua und dem Pazifik, so groß wie das Bundesland Hessen: das kleinste Land Mittelamerikas mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Zweck der Reise ist die Übergabe der an diesem Abend gesammelten Spenden für ein Kinderhilfsprojekt der Stiftung CIDECO. Nach einem Treffen mit dem salvadorianischen Botschafter in Berlin, Edgardo Carlos Suárez Mallagray, und der Konsulin Florencia Vilanova sowie einem Telefonat mit der Reiseagentur Tramsol, die großzügigerweise das Ticket spendiert, kann es losgehen. Das freundliche Botschaftsteam hat einen genauen Reiseplan vorbereitet, fast das gesamte Land soll ich kennen lernen, und das alles innerhalb von zwei Wochen – ich bin gespannt.
Am 4. Mai starte ich gemeinsam mit meinem Cousin Martin von Berlin über Madrid und San José nach San Salvador. Der lange Flug hat sich gelohnt: Am Flughafen wartet bereits Álvaro Cuellar vom Reiseveranstalter Network-Tours, der uns sicher in die Hauptstadt San Salvador begleitet. Wir sind im Hotel Plaza Mediterráneo im schönen Stadtteil Colonia Escalón untergebracht. Dort bereitet uns Jorge Castillo, der Hotelmanager, gemeinsam mit seiner Frau Karla einen herzlichen Empfang. Zu einem riesigen Strauß Blumen gibt es gleich einen Begrüßungsdrink im wunderschönen tropischen Garten des Hotels: Bienvenidos a El Salvador! Das leise Plätschern des Brunnens und das nächtliche Grillenkonzert wiegen uns - nach über 30 Stunden - in den Schlaf. Am nächsten Morgen machen wir Bekanntschaft mit der – für lateinamerikanische Verhältnisse ungewöhnlichen – salvadorianischen Pünktlichkeit. Um Punkt acht Uhr wartet der Minibus des Tourismusministeriums (MITUR) vor dem Hotel, um uns ins Nationalmuseum für Anthropologie „David J. Guzmán“ zu bringen. Die dortige Führung ermöglicht uns einen Einblick in die Geschichte des Landes und verdeutlicht die interessanten Bezüge zu den restlichen mittelamerikanischen Hochkulturen in Guatemala, Mexiko und Honduras.
Im Büro von MITUR steht uns der Tourismusminister Rubén Rochi dann höchstpersönlich für ein Gespräch zur Verfügung. Obwohl der Tourismus in El Salvador praktisch noch in den Kinderschuhen steckt, bemühen sich Herr Rochi und sein Team erfolgreich, diesen als Wirtschaftsfaktor im Land zu etablieren. Zu diesem Zweck wurde innerhalb kürzester Zeit die Werbekampagne „Impresionante“ (=beeindruckend, eindrucksvoll), entwickelt. „Der Besucher soll sich von den ungeahnten Möglichkeiten, die unser Land bietet, überraschen lassen. Wir wollen ihm ein neues Bild von El Salvador vermitteln.“ Aber auch im eigenen Land muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Noch herrscht eine große Unwissenheit unter der Bevölkerung, wie wir den Tourismus für unsere eigene Entwicklung nutzen können“, so Rochi. „Über Aufklärungskampagnen versuchen wir, die Menschen langsam an den Tourismus heranzuführen.“
Der anschließende Besuch des Nationalparks „Cerro Verde“ vermittelt uns einen ersten Eindruck der landschaftlichen Reize des Landes: Umgeben von den majestätischen Vulkanen Izalco und Santa Ana, liegt ein märchenhafter Wald mit einer einzigartigen Fauna und Flora, die man auf verschiedenen Wanderrouten erkunden kann. Unterwegs begegnen uns riesige, mit Bromelien bewachsene Bäume, eine Orchideenfarm sowie zahlreiche exotische Vogelarten. Sportliche können den Kraterrand des Vulkans Izalco in einer vierstündigen Tour erklimmen – wir beschließen, uns dieses Vergnügen für den nächsten Besuch aufzuheben.
Bei der Rückkehr ins Hotel wartet bereits Jorge Castillo auf uns. Er fragt, wie wir unseren ersten Tag verbracht haben und gibt uns Tipps für weitere Sehenswürdigkeiten. Dabei scheint er uns jeden Wunsch von den Lippen abzulesen – und tatsächlich scheut er keinen Aufwand, um seinen Gästen jeden erdenklichen Gefallen zu tun. Gemeinsam mit seiner Frau Karla sorgt er dafür, dass wir uns im Hotel wie zu Hause fühlen. Aufgrund des leckeren Essens, dem freundlichen Hotelpersonal sowie dem traumhaften Garten mit Pool fällt uns dies auch nicht besonders schwer. Am schönsten sind jedoch die Gespräche mit Jorge und Karla selber, die jeden Abend Zeit für einen netten Plausch mit uns finden. Das Stadtzentrum von San Salvador bietet uns am nächsten Tag ganz andere Eindrücke.
In Begleitung von Álvaro Cuellar, dem sympathischen Leiter von Network Tours, fahren wir in die Innenstadt. Diese ist laut, dreckig und zum ersten (und einzigen) Mal während der Reise habe ich ein ungutes Gefühl im Bauch. Arme Menschen und Behinderte betteln vor der Kathedrale, Kinder spielen im Rinnstein, Frauen bieten ihre Essen und Getränke in kleinen, verdreckten Ständen rund um die Plaza an. Armut und Elend springen einem förmlich ins Auge. Nach einem kurzen Besuch der Kathedrale und des Grabes von Oscar Romero, dem im Bürgerkrieg getöteten Erzbischof und Pazifisten, bin ich froh, das Zentrum zu verlassen. Doch der Besuch hinterlässt einen bleibenden Eindruck – immer wieder wird uns Armut auf unserer Reise begegnen, teilweise versteckt, aber doch immer gegenwärtig.
Vom Stadtzentrum aus fahren wir gen Norden in die Kolonialstadt Suchitoto. Dort besuchen wir ein schönes Restaurant mit Blick auf den Stausee Cerrón Grande. Das Essen ist einfach, aber lecker: „pollo a la brasa“, Hühnchen, Reis und Gemüse, nach der „pupusa“ das Leibgericht der Salvadorianer. Gestärkt schlendern wir anschließend durch das hübsche Städtchen. Farbenfrohe, kleine Häuser wechseln sich mit alten Bauten im Kolonialstil ab, die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in Suchitoto, das mit seinen Galerien und Festivals auch kulturell einiges zu bieten hat. Zuletzt hat Señor Cuellar noch einen Geheimtipp auf Lager: Das feine Hotel „Los Almendros de San Lorenzo“ wird von einem Franzosen geführt. Pascal Lebailly hat ein altes Kolonialgebäude des Dorfes liebevoll restauriert und sechs geschmackvolle Gästezimmer darin eingerichtet. Hier würden wir gerne einige Tage verbringen! Der Abschied von Suchitoto fällt schwer, noch länger möchte man in dem verträumten Städtchen verweilen. Der Rückweg führt uns über eine landschaftlich reizvolle Landstraße zurück in die Stadt. „Früher während des Bürgerkriegs war es lebensgefährlich, diese Straße zu benutzen“, sagt Álvaro Cuellar. „Zum Glück ist diese Zeit vorbei.“
Aufgrund der individuellen Betreuung durch verschiedene Reiseführer haben wir während unserer Fahrt auch immer wieder die Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen. Dabei erfahren wir nicht nur Wissenswertes über Land und Leute, Kultur und Geschichte, Zweifel und Hoffnungen bezüglich der neu gewählten Regierung, sondern auch sehr persönliche Geschichten, die uns die Vergangenheit des Landes näher bringen. Ein Führer spricht eindrücklich über seine traumatischen Erfahrungen als Opfer einer Entführung während des Bürgerkrieges. Ein anderer berichtet uns aus der Zeit, als er in den 80er Jahren für ein Filmteam der Deutschen Welle arbeitete. Kurz nach dem grausamen Massaker in Mozote, bei dem im Jahre 1981 900 Zivilisten von den Regierungstruppen (FAES) getötet wurden, begleitete er das Filmteam zum Ort des Verbrechens. Die unmenschlich grausamen Bilder, den Geruch nach verbrannten Leichen kann er bis heute nicht vergessen. So kontrastieren unsere Eindrücke eines schönen und scheinbar friedlichen Landes mit den Erinnerungen an eine dunkle Vergangenheit, die immer wieder zum Leben erweckt wird. Und fast jeder, dem wir auf unserer Reise begegnen, hat eine berührende Geschichte zu berichten. Am nächsten Tag lernen wir auf der „Ruta Maya“ verschiedene historische Maya-Stätten wie Cihuatán, San Andrés, Tazumal und Casa Blanca kennen. Der Höhepunkt ist jedoch die archäologische Ausgrabungsstätte Joya de Cerén, die seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.
Der Ort wird auch als Pompeji Mittelamerikas bezeichnet. Etwa im Jahr 600 begrub eine Eruption eines nahe gelegenen Vulkans das Dorf unter 14 Schichten Asche und schützte es so gegen Verwitterung. Man glaubt, dass die Bewohner ausreichend Zeit zur Flucht hatten, da keine Leichenüberreste gefunden wurden. Sie ließen bei ihrer hastigen Flucht aber ihre Habseligkeiten, Keramik, Möbel und sogar Speisereste zurück. Bei der Ausgrabung im Jahre 1976 wurden um die 70 Gebäude entdeckt. Bei unserem Besuch konnten wir leider nur einen kleinen Teil der Ausgrabungen besichtigen und auch das Museum war temporär geschlossen. Nicht weniger als 21 Hotels stehen bei unserem Strandausflug am nächsten Tag auf dem Pogramm. „Recht ambitioniert“, meine ich zu Álvaro Cuellar, der herzhaft lacht: „Das schaffen wir schon.“ Mit von der Partie sind sein Sohn, ebenfalls namens Álvaro, und zwei sympathische Mitarbeiterinnen des Tourismusministeriums. Nach einer halben Stunde Fahrt steigen wir aus dem klimatisierten Bus und werden fast von der Hitze erschlagen: Draußen sind es locker über 30 Grad. Mirna von MITUR zeigt uns den Fischmarkt der Hafenstadt Puerto La Libertad, die zum Dreh- und Angelpunkt für den Strandtourismus in El Salvador ausgebaut werden soll. Noch gibt es einiges zu tun. Der Ort lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Er wirkt trist und herunter gekommen, überall liegt Abfall in den Straßen.
Als Verschönerung wurde in eine Strandpromenade investiert, die ebenso gut an der Costa del Sol stehen könnte und daher etwas deplaziert wirkt. Mirna erklärt uns, dass das Tourismusministerium die Verkäufer, die die Promenade mit ihren kleinen Ständen und Garküchen besetzen, über Hygiene und Gesundheitsmaßnahmen aufklärt. „Es ist schwer, die Gewohnheiten der Menschen zu ändern“, seufzt Mirna lächelnd. „Ein Großteil von ihnen benutzt noch immer kein fließend Wasser– viele Kinder haben Durchfall und andere Krankheiten.“
Auf unserer Fahrt nach Norden, je weiter wir uns von der Stadt entfernen, werden die Strände schöner, die Straßen sauberer. Wir besuchen verschiedene kleine Hotels, die direkt am Strand liegen und deren Wachstum seit einigen Jahren boomt. Hübsch hergerichtet, mit kleinen Bungalows, gepflegten Gärten, Swimmingpools, und Hängematten, die zu einer Siesta einladen, fühlt man sich wie in einer Oase. Hinter dem Zaun, der die Hotels vom Strand trennt, beginnt wieder die Realität: Ein Wachtmann patrouilliert mit Gewehr am Strandzugang des Hotels. Obwohl das Meer zum Baden einlädt, ist die Anwesenheit eines Sicherheitsmanns ein wenig gewöhnungsbedürftig.
Aufgrund der starken Brandung und den perfekten, rechts brechenden Wellen hat sich El Salvador bereits seinen Platz unter den weltweiten Surferparadiesen erobert. So sind speziell Playa el Sunzal und Playa el Tunco bei amerikanischen Surftouristen beliebt. In der Nähe liegt das Backpacker-Hotel Roca Sunzal – der Manager ist selbst ein passionierter Surfer und kommt für unsere Begrüßung extra aus dem Wasser. Weitere nette Hotels sind Sol Bohemio, Tekuani Kal und Costa Brava, jedes mit seinem ganz eigenen Charme. Letzteres hat einen traumhaft schönen Strand mit feinem schwarzem Vulkansand, so dass wir uns kurz vor Sonnenuntergang doch noch zu einem erfrischenden Bad entscheiden.
Obwohl wir nach dem leckeren Mittagessen im schönen Fisherman’s Beach Club kaum noch Appetit haben, dürfen wir den letzten Tagespunkt auf unserem Programm laut Señor Cuellar unter keinen Umständen verpassen: Ein Abendessen im Restaurant „La Dolce Vita“. Und tatsächlich zaubert Eigentümer und Chefkoch Carmine Cedrola zum Abschluss des Tages noch ein traumhaftes Menü auf unsere Teller: Thunfisch-Carpaccio, Riesengarnelen und Panacotta. Während uns das Essen im Mund zergeht, erzählt uns Carmine amüsante Anekdoten, die er als italienischer Einwanderer in El Salvador erlebt hat. Todmüde, aber erfüllt, fallen wir ins Bett und träumen von der perfekten Welle. Tags darauf erwartet uns ein weiteres Highlight: die berühmte „Ruta de las Flores“. Ein Tagesausflug, der uns in Begleitung von José Antonio Méndez von Turibus und Manuel Recinos von MITUR mitten durch das wunderschöne Kaffeeanbaugebiet zwischen Sonsonate und Ahuachapán führt. Auf unserem Weg liegen einige der malerischsten Kolonialstädte des Landes wie Juayúa, Apaneca und Ataco. Unsere erste Station ist der Lebensmittelmarkt in Nahuizalco: Indigenas bieten Fisch, Eier, Gemüse und Obst an, es herrscht ein buntes Markttreiben. Auffällig ist, dass so gut wie keiner von ihnen Tracht trägt. Unser aufmerksamer Tourguide Señor Méndez erklärt uns, dass ein im Jahr 1932 im Dorf verübtes Massaker an Indigenas dazu geführt hat, dass die bunte Indiotracht für immer verbannt wurde.
In Ataco sind anlässlich des Muttertags alle weiblichen Bewohnerinnen des Dorfes auf die Plaza Central eingeladen. Gefeiert werden alle salvadorianische Mütter, die „madrecitas salvadoreñas“ und ihr unermüdlicher Einsatz für die Familie. Von Babys bis zu Urgroßmüttern sind alle Generationen vertreten. Die kopfsteinbepflasterten Straßen führen an bunten Häusern und neu eingerichteten Galerien vorbei. Die Plaza ist gesäumt von kleinen Cafés und stilvollen Restaurants. Ataco scheint unberührt vom Bürgerkrieg, ein Relikt aus alten Zeiten. Ein herrlicher Ort um einige ruhige Tage in den Bergen zu verbringen!
Doch noch ist unser Reiseplan nicht erschöpft. Über das Wochenende steht eine Fahrt an den Strand an, dieses Mal in den Nordwesten des Landes, in das paradiesische Strandressort „Decamerón“. Dort ist nicht nur das hübscheste Zimmer mit Blick auf das Meer und den Pool für uns reserviert, sondern der Hotelmanager Carlos Arías betreut uns auch persönlich und gibt Auskunft über die Entstehung des Hotels. Trotz seiner 500 Betten wirkt die Anlage, die sich über einen Kilometer an der Pazifikküste entlang zieht, sehr ansprechend. Dafür sorgt nicht nur die flache Bebauung durch zweistöckige Bungalows, sondern auch die geschmackvolle Einrichtung und die persönliche Betreuung jedes einzelnen Gastes. „Jeder bekommt bei uns seinen Liegestuhl“, schmunzelt Arías, „insgesamt haben wir 1.200 Stühle zur Verfügung.“ Durch die Weitläufigkeit der Anlage fühlt man sich tatsächlich nicht eingeengt. Stundenlang spazieren wir durch die tropischen Gärten, beobachten Pelikane und Graureiher, genießen einen Drink am Pool oder baden im Meer. Die drei Tage vergehen viel zu schnell.
Zurück in der Hauptstadt steht der eigentliche Auftrag unserer Reise an: die Spendenübergabe an das Hilfsprojekt der Stiftung CIDECO. Am frühen Morgen starten wir gemeinsam mit dem salvadorianischen Botschafter Edgardo Carlos Suárez Mallagray nach San Luis de la Herradura. Dort hat die Stiftung nach dem Erdbebenunglück im Jahre 2001 eine Schule für die Ärmsten der Armen gegründet, von der heute rund 500 Kinder und ihre Familien profitieren. Im Gepäck haben wir Medikamente für die Krankenstation der Schule „Centro Educativo Mano Amiga San Antonio“ im Wert von 4.635 US-Dollar – Spendengelder aus Deutschland, die bei der Benefizveranstaltung der salvadorianischen Botschaft im September 2008 in Berlin zusammen gekommen sind.
Nachdem uns die Erstklässler einstimmig und die salvadorianische Fahne schwenkend mit „Buenos días“ begrüßen, nimmt uns die freundliche Schulleiterin Patricia Fortín in Empfang. „Das Besondere an unserem Projekt ist unser integratives Erziehungskonzept“, erklärt sie. „Wir bieten den Kindern nicht nur einen guten Schulunterricht, sondern auch ein Frühstück und Mittagessen sowie verschiedene Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Schwimmen an. Dieses „Rundumpacket“, wie es Señora Fortín nennt, dient als Grundlage dafür, dass sich die Kinder nicht nur als Schüler, sondern auch als Menschen umfassend entwickeln. „Das Wichtigste ist uns, dass sich die Kinder bei uns wohl fühlen. Die Gegend ist von starker Armut geprägt. Die meisten Eltern arbeiten als Fischer, viele sind arbeitslos. Wir versuchen zu helfen, indem wir die Eltern mit einbeziehen. Sie sollen an der Entwicklung ihrer Kinder teilhaben, die letztlich immer auch der Familie zugute kommt.“
Dafür bieten Frau Fortín und ihr engagiertes Lehrerteam nicht nur Elternabende, sondern auch persönliche Sprechstunden an. „Anfangs kamen wenige Mütter und Väter. Inzwischen haben wir eine Teilnahmequote von über 90 Prozent“, berichtet die Schulleiterin stolz. „Die Kommunikation ist uns besonders wichtig. In vielen Fällen dient die Beratung auch als Lebenshilfe für die Familien.“ Tatsächlich wirkt sich das Projekt nachhaltig auf die Entwicklung der gesamten Region aus. Innerhalb von wenigen Jahren konnte nicht nur eine Schule, sondern auch eine Krankenstation und ein kleiner Markt aufgebaut werden, auf dem Familien aus der Umgebung ihre Waren verkaufen. Die Schule ist inzwischen ein wichtiger Gemeinschaftsort, der vielen Familien eine Perspektive bietet. Ohne das Engagement von Señora Fortín und ihrem Team wäre das Projekt undenkbar. Was die Bildung betrifft, steht die Schule im nationalen Ranking ganz weit oben – auch die Tochter von Señora Fortín besucht die Schule.
Das Projekt finanziert sich ausschließlich durch private Spenden. Ein gesondertes Team kümmert sich um das Fundraising der Stiftung. „Spenden einzubringen ist harte Arbeit“, sagt Jackie de García Prieto, eine der Koordinatorinnen. „Wir sprechen sowohl zahlreiche Privatpersonen als auch Firmen an und sind über jede Spende dankbar.“ Wo das Geld hin fließt, wird uns bei dem anschließenden Rundgang durch das Gelände bewusst: In den Klassenzimmern sitzen Kinder in adretter, rosabeigefarbener Schuluniform, die aufgeweckt am Unterricht teilnehmen. Mit dem ersten scheuen Lächeln eines der Mädchen ist es um mich geschehen: Ich möchte allen Kindern in „Mano Amiga San Antonio“ helfen! Nach und nach bemerken uns die Schüler und drehen ihre Köpfe nach uns um. Besuch bekommen sie nicht alle Tage. In der benachbarten Krankenstation sorgen die Leiterin Elena Hurtado und ihr Team rund um die Uhr dafür, dass es allen Schülern gut geht. Heute müssen die Schüler der dritten Klasse zum Hör- und Sehtest. Im Gang vor dem Behandlungszimmer sitzen mehrere Dutzend Kinder zwischen acht und zehn Jahren. Als ich die Kamera zücke, bin ich binnen Sekunden von den kleinen Jungen umringt: alle wollen mit auf das Foto.
Vor der feierlichen Übergabe der Medikamente auf dem Schulhof präsentiert uns Señora Fortín stolz ihre neueste Errungenschaft: ein Wellblechdach, dass den Schulhof und die Kinder vor der sengenden Mittagssonne schützt. Dann erwarten uns die Kinder bereits, einige von ihnen haben keinen Sitzplatz mehr bekommen und stehen brav in Reih und Glied. Als ich nach der Tanzeinlage der zweiten Klasse an das Mikrofon gehe, um zu erzählen, warum ich heute hier bin, blicke ich in hundert erwartungsvolle Kinderaugen. Plötzlich wird mir klar, warum ich nach El Salvador gereist bin. Es geht um nicht weniger, als diesen Kindern zu helfen. Mit nur fünf Dollar im Monat ermöglicht man einem Kind den Besuch der Schule und damit eine Perspektive für das gesamte Leben. Nach der offiziellen Feier kehrt wieder der Alltag ein. In der Pause versammeln sich Klein und Groß auf dem Schulhof zum Fußballspiel. Die kleinen Spieler werden lautstark angefeuert, das neue Wellblechdach vibriert. Ich drehe mich noch einmal um und sehe glückliche spielende Kinder. Diesen Moment werde ich nicht
vergessen.
(www.cideco.org.sv)
Während unserer Reise durch das Land, fallen uns zahlreiche positive Dinge auf. Allem voran ist es die ausgesprochene Gastfreundschaft der Menschen, die uns beeindruckt. Wohin wir kommen, wohin wir gehen, immer werden wir lächelnd und neugierig empfangen. Die Salvadorianer scheinen in ihrem Wesen eine außergewöhnliche Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit mit einer zähen Ausdauer und Arbeitsmentalität zu verbinden. „Hay que echar adelante“, diesen Spruch hört man immer wieder: Es muss immer vorwärts gehen. Angesichts zahlreicher Erdbeben, Bürgerkrieg, Bandenkriminalität und Armut fragt man sich, wie ein Fortschritt möglich ist. Doch allen Hindernissen zum Trotz schaffen es die Salvadorianer, ihren Mut nicht zu verlieren und umso emsiger an einer positiven Zukunft ihres Landes zu arbeiten. Trotz der jüngsten blutigen Vergangenheit hat sich das Land innerhalb kürzester Zeit von einem Bürgerkriegsland im Ausnahmezustand zu einem demokratischen Staat entwickelt. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis sich El Salvador von seinem negativen Image befreien wird. Doch die Ausdauer und positive Energie der Salvadorianer lässt nicht daran zweifeln, dass sie auch dieses Hindernis überwinden werden.
Die Ankurbelung des Tourismus ist dabei ein erster und wichtiger Schritt auf diesem Weg. Mit seinem geringen Jahresbudget kann das Tourismusministerium nur begrenzt und in ausgewählte Projekte investieren. Die ausgesprochen guten Straßen sind das Vorzeigeprodukt des Landes. Nicht nur der Tourismusminister, auch sämtlich andere Menschen weisen uns während unserer Reise immer wieder auf das gut ausgebaute und sichere Straßennetz des Landes hin. Abgesehen davon fehlt es noch an Infrastruktur. „Das Wichtigste wären zuerst einmal direkte Flüge nach El Salvador“, meint Álvaro Cuellar. „Momentan fliegt nur die Air Livingstone nach San Salvador und dies nur einmal wöchentlich. Von Deutschland aus gibt es noch gar keine Direktflüge.“ Dazu kommt die relativ geringe Anzahl an Hotels. Während man in San Salvador zwischen verschiedenen großen Hotels wählen kann, ist die Auswahl außerhalb der Hauptstadt spärlich. Der im Nachbarland Guatemala bereits relativ etablierte Backpacking-Tourismus, findet hierzulande noch kaum Verbreitung. Dementsprechend gibt es nur wenige Unterkünfte für den kleinen Geldbeutel.
Dafür ist die vielfältige Auswahl an Reiserouten durch das Land umso größer: Ruta de las Flores, Ruta de los Volcanes, Ruta de las Playas und Ruta de la Paz, um nur einige zu nennen. Für jeden ist etwas dabei, von Naturerlebnissen über den Besuch historischer Ausgrabungsstätten bis hin zur „Ruta de la Paz“, der „Friedensroute“ im ehemaligen Bürgerkriegsgebiet, die heute von Ex-Guerrilleros begleitet wird. Verschiedene hilfsbereite und freundliche Reiseanbieter wie Álvaro Cuellar von Network Tours oder José Antonio Méndez von Turibus bieten mehrtägige Reisepackete „all inclusive“ an und sind bereit, auf jeden Wunsch ihrer internationalen Gäste einzugehen. Noch stammt die Mehrzahl der Touristen aus den USA, Exil-Salvadorianer, die ein paar entspannte Tage in der Heimat verbringen möchten. „Wir wünschen uns, mehr europäische Touristen bei uns zu begrüßen und ihnen unser Land zu zeigen. El Salvador hat seinen ganz eigenen Charme, es ist klein, aber fein“, meint Álvaro Cuellar schmunzelnd.
Während unseres Aufenthaltes zeigt sich die Regenzeit von ihrer besten Seite. Regelmäßig regnet es am Nachmittag Sturzbäche, allerdings nur eine Stunde, dann ist der Spuk wieder vorbei. In nur wenigen Tagen ergrünt das ausgetrocknete Land: Das Gras sprießt, die Blätter der Pflanzen bekommen wieder Farbe, das gesamte Land wächst und gedeiht. Ich wünsche mir wieder zu kommen, um das Panorama der Vulkane in der Sonne zu sehen, den Osten des Landes zu erkunden, die Ruta de la Paz zu gehen, und noch einmal die grünen Vulkanseen zu erblicken, das weiche, schöne Spanisch zu hören, die erfrischende Herzlichkeit der Salvadorianer zu genießen und in leuchtende Kinderaugen in San Luis de la Herradura zu blicken.
Ein herzliches Dankeschön an alle Menschen, die mir diese wunderschöne Reise ermöglicht haben. Mein besonderer Dank gilt der Botschaft von El Salvador in Berlin.
Edgardo Carlos Suárez Mallagray, Florencia Vilanova, Max Figueroa (Botschaft El Salvador), Karina Miranda de Stielau (TRAMSOL), Rubén Rochi, María José Rendón, Manuel Recinos und Mirna Dinora Martínez (MITUR), Jorge Castillo und Karla Leistenschneider de Castillo (Hotel Mediterráneo Plaza), Álvaro E. Cuellar und Álvaro D. Cuellar (Network Tours), José Antonio Méndez (Turibus), Carlos Gómez Stevenson (Hotel Decamerón), Patricia Fortín und Elena de Hurtado (Fundación CIDECO).
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